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Oase Siwa 2023 - Reisebericht

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Oase Siwa 2023 - Reisebericht

Zusammen mit der Fotografin Nathalie Mohadjer war ich im Oktober 2023 ein weiteres Mal in der ägyptischen Oase Siwa, einem für mich magischen Ort. Es ging darum, Beiträge für Reisemagazine vorzubereiten. Der folgende Reisebereicht erschien in dem Magazin “globetrotter” 06/2024.

Ankommen in Siwa

Wir nähern uns dem Ziel. Kegelförmige Hügel und Ausbuchtungen häufen sich in der eintönigen Steinsteppe. Plötzlich dann der fast senkrechte, felsige Abbruch zur Depression. Wir gleiten über die Naturrampe hinunter in die Oase; 18 Meter unter dem Meeresspiegel liegt sie und ist keineswegs postkartenidyllisch. In einer Tiefebene, 82 mal 28 km groß, flimmert ein grüner Teppich im Licht der untergehenden Sonne , geknüpft aus mehr als dreihunderttausend Dattelpalmen. Einige Minarette werfen Schatten, verstreute Siedlungen heben sich ab, Salzseen und Sanddünen glitzern in der Ferne. Wir sind angekommen in der Oase Siwa, die mancher Besucher magisch nennt, amazing, oder schlicht überwältigend. Einige blieben.

Wenn ich in Siwa ankomme, stelle ich mir vor, wie sich ein solcher Moment vor hundert Jahren angefühlt haben mag, als sich Karawanen der Oase von den Märkten und Häfen in Marsa Matruh, Alexandria oder Tripolis aus näherten. Von der Küste bis hierher brauchten sie damals acht bis zehn Tage, wenn sie kein Sandsturm überraschte. Heute sind es noch drei Stunden, von Kairo acht.

Jahrhunderte lang machten die Karawanen hier Rast auf dem Weg in den Sudan und weiter nach Mali oder ins gelobte Äthiopien, kauften Datteln ein und Silberschmuck. Und genau diesen Moment genossen sie, diesen verheißenden Blick nach Tagen eines mühevollen Marschs durch die Einöde und Hitze. Heute reisen wir klimagekühlt in Bus oder Taxi und kommen halbwegs entspannt an.

Hier in Siwa endet für Touristen die Straße – dahinter kommen nur noch Schmuggelrouten, riesige Sanddünen und militärisches Sperrgebiet - Sackgasse. Nach Libyen sind es gerade mal vierzig Kilometer.

Die alte Zitadelle in Shali             

Wir steigen die ausgetretenen Stufen aus Lehmerde zur alten Zitadelle im Ortszentrum von Shali hinauf. Drei Jahre ist es her, dass ich das letzte Mal hier war. Damals blieb ich drei Monate. Dieses Mal müssen drei Wochen reichen. Nathalie schleppt Stativ und Kamera hoch. Sie lebt als Fotografin in Paris und hatte voll Bock, die Oase mit seinen Tempeln, die seit 1994 Teil des UNESCO Weltkulturerbes sind, kennenzulernen.

Wir laufen durch enge, winklige Gassen. Als wir die Mauern der Spitze erreichen, öffnet sich ein atemberaubender Blick in die Weite. Markant heben sich die Hügel des heiligen Bergs Dakrour von den gewaltigen Sanddünen im Süden ab. Am Fuße des Massivs begehen die zehn Berberstämme beim Vollmond im Oktober alljährlich das Siyaha Festival in Erinnerung des hundertjährigen Friedens zwischen den Stämmen. Sie tanzen, singen, kochen und essen gemeinsam drei Tage und Nächte lang. Vor allem aber versöhnen sich Menschen, klären alten Streit. Dazu wurde das Festival ins Leben gerufen. Denn zwischen den Ost und Weststämmen war es immer wieder zu blutigen Fehden gekommen. Krieg, auch im Kleinen, ist in Siwa ein „No-Go“ – in heutigen Zeiten ist das weder selbstverständlich noch das schlechteste Gebot. In der Oase Siwa stehen Traditionen, Feste und handwerkliches Wissen noch immer hoch im Kurs.

Wir schauen hinab. Kein Gras ist über die Ruinen gewachsen und keine Palme fand Erde. Die alte Stadt Shali, erbaut um 1200, ist eine einzige offene Wunde – bis heute. Doch tat sich in der Zitadelle ein wenig, seit ich hier war. Ein neuer Befestigungsring stützt nun das Burginnere. Er lässt erahnen, welche Wehrhaftigkeit nach außen, aber auch nach innen hier einst herrschte. Am Fuße der Burg haben sich derweil Shops mit handwerklichem Trödel, Getöpfertem, Salzlampen, Bastwaren, Oasen-Delikatessen und Bekleidung breit gemacht. Was „echt“ Siwa ist, aus Oberägypten kommt oder gar aus Fernost, wissen die nur Götter.

Wir steigen durch enge Gassen zwischen halb eingestürzten Mauern mit Fenstern wie Schießscharten und Palmenstümpfen, die aus dem ockerfarbigen Putz herausragen wie Speerspitzen. Ganz ungefährlich ist das nicht. Mehr als einmal versperrt frisch eingefallenes Mauerwerk den Durchgang. Kein Wunder, das Labyrinth ist riesig groß, und die Kosten für einen kompletten Wiederaufbau wären sicherlich gigantisch.

Ich komme mir vor wie auf einer Zeitreise. Aus dem Magreb eingewanderte Berber hatten die Festung sechs bis sieben Etagen hoch gebaut, um sich der ständigen Übergriffe feindlicher Stämme und marodierender Banden zu erwehren. Errichtet wurde der Stadtstaat Shali, was in Siwi, der Berbersprache, schlicht die Stadt heißt, aus luftgetrockneten, leider eben wasserlöslichen Tonerde-Salz-Ziegeln. Nach sintflutartigen Regengüssen im Jahr 1926 sind Zitadelle und Stadt geschmolzen wie ein Eispalast im warmen Sommerregen. Kein Dach, kaum ein Haus hat diese Apokalypse, bei der es viele Tote gab, überlebt. Es ist eine pittoreske, ja bizarre Szenerie, wie eine Filmkulisse des Schreckens.

Zu Besuch bei Khaled    

Khaled hat uns in seinen „Garten Eden“ eingeladen. Er holt uns im Restaurant-Treffpunkt Abdo mit seinem nagelneuen 4x4 SUV-Jeep ab. Man sieht: Das Geschäft läuft wieder nach coronabedingten Jahren der Isolation. Er erwartet heute eine Gruppe spanischer Touristen, für die er eine Tour in die südlich gelegenen Dünen des Ägyptischen Sandmeers organisiert hat. Khaled beherrscht fließend drei Sprachen: das Siwi, Arabisch und Englisch, etwas Französisch und Spanisch aber auch. In der Auto-Disco läuft Procol Harum, a whiter shade of pale.

Auf dem Hinweg ruft er bald jedem aufmunternde Hallo-Sätze zu und hält zwei Mal an, um etwas sehr Wichtiges auszutauschen. Khaled ist bestens verdrahtet und war letzte Woche in Alexandria und Kairo, um Kunden zu treffen, wie er erzählt. Eine Webseite hat er nicht, doch auf Instagram ist er präsent. In seiner tadellos gebügelten Galabya mit einer Brosche, einer kunstvoll gebundenen hellen Kufiya und dem fein gestutzten Bart ist er trotz seiner 32 Jahre auch äußerlich eine gestandene Persönlichkeit. Er ist merklich stolz, ein Siwa zu sein, der es aus eigener Kraft zu etwas gebracht hat.

In seinem Garten im Palmenwald mit Taubenturm und Bewässerungsanlage angekommen, kümmert er sich sofort um die Vorbereitung des Essens, schnippelt, arrangiert, organisiert. Einige Zagalli, wie Tagelöhner hier genannt werden, klettern barfüßig in Palmen herum, um tote Äste abzusägen. Ermüdet erscheint die Gruppe, als er und seine Helfer gerade das Mardam aus dem Erdofen herausholen und handygerecht zelebrieren. Das Timing ist perfekt.

Zwei Stunden garte die Ente auf einer Glut aus Olivenholz in einer Blechwanne, die oben mit einem Deckel und Sand luftdicht verschlossen wurde. Die gebräunte Ente duftet herrlich auf dem Rost. Ein Topf mit Reis hat er mitdampfen lasen. Ein bunter Salat in einer Limetten-Vinaigrette, Oliven, Eingelegtes, das obligatorische Fladenbrot und Wasserflaschen stehen bereits auf den niedrigen Tischen und bunten Teppichen im Schatten von Dattelpalmen und Olivenbäumen – so wie Gott in … Siwa. Die Leute sind entsprechend beeindruckt und schmecken tut es ihnen sowieso. Man streckt sich auf den Teppichen zum Mittagsschlaf aus oder hält ein Schwätzchen. Spanier in Siwa in Khaleds Garten.

Khaled kenne ich seit einem längeren Siwa-Aufenthalt im Jahre 2019. Einige Male schon habe ich Khaled in seinem Privathaus besucht. Seine Frau, die für uns immer wunderbar kochte, habe ich nie zu Gesicht bekommen. Auch das gehört zur Regel und dem Lebensstil. Traditionen sind – was sonst? – konservativ, bewahrend und entsprechen - gerade was die Rolle und das Leben der Frau angeht - nicht sehr meinen Vorstellungen. Ich akzeptiere es, stelle es nicht einmal zur Debatte. Khaled weiß auch so, was ich davon halte.

Khaled hat mich vom ersten Moment an überrascht. Es ging mir gerade nicht sehr gut an jenem Tag damals, als er mir einen Tee brachte. Er sah es sofort und lud mich zum Entspannungsbad ins Al Maza ein, einem entlegenen Hotspring. So einen Menschen wie ihn hatte ich zugegebener Maßen hier nicht erwartet. Wir sind Freunde geworden, treffen uns fast täglich irgendwo in Shali, wo er früher noch in einem Café bedient hat, trinken dann zusammen einen Tee und plauschen. Vor einem Jahr hat er sich selbständig gemacht. Wir reden darüber und oft auch über Beziehungen, unsere Wertvorstellungen, Alltägliches oder Politik. Gegen Mitternacht brechen wir meistens auf, um in einem der toll beleuchteten Anlagen rund um Dakrour im heißen Nass der Hotsprings zu entspannen. Khaled ist stets relaxed und offen, neugierig und dabei voller Wissen. Er streitet nicht, er tauscht aus. Er verkörpert das weltoffene, moderne Siwa, das zugleich tief in den Traditionen verwurzelt ist. Anderntags holen wir gemeinsam meine Wäsche ab, was etwas Geld spart. Gehört dazu. Khaled ist eine Respektperson.

Stories bei Abdo

Unsere Tage beginnen immer beim Frühstück im Abdo. Bei Omeletts, dem weichen Feta, aromatischen grünen Oliven, Baba Ghanoush und einem der diversen Tees schmieden wir Pläne, stoßen sie wieder um und reden mit Leuten, um neue zu machen, weil jemand wie der alternde Berber Saleh mit seiner abenteuerlich gebundenen, knallblauen Kufiya uns in sein Haus am Dakrour einlädt, damit wir seine umfangreiche Ton-Steine-Scherben-Sammlung in Augenschein nehmen können. Bewundernswert ist sie!

Bei Abdo treffen sich Backpacker, die irgendwie auf diesen Flecken gestoßen sind, mit Expats und Einheimischen. Heute sind wir hier mit Mustafa verabredet, der in einem früheren Leben Rechtsanwalt in Alexandria war, bevor er Siwa kennenlernte und sich zu einem neuen Leben hier entschloss. Gerade restauriert er ein altes Haus hinter der Zitadelle. Dort trafen wir aufeinander. Er entschuldigte sich für „my bad English“, dass er nur aus Fernserien lerne. Dafür spricht er allerdings flüssig.

Handwerk

Er mag am liebsten mit den Händen arbeiten, erklärt er seine Entscheidung für Siwa. „Und diese Restauration ist nun einmal pures Handwerk.“ Er klärt uns auf über verbesserte Ton-Erde-Mischungen, die einem stärkeren Regenguss standhalten, und dass nur noch wenige das Bauen mit Palmenbalken und -sisal beherrschen. Letztlich sei es aber sein kaputter Rücken gewesen, warum er in Siwa nach Heilung gesucht habe. Dass die Heilmethode Schwitzbad im heißen Saharasand, gepaart mit Massagen und einer speziellen Diät wahre Wunder vollbringe, so dass er sogar mit den Händen arbeiten könne, darauf schwört er. Eine andere Heil-Kur mit schwefelhaltigem Wasser nennt sich Brisi und helfe super gegen Hautkrankheiten, erklärt Mustafa. Ein Siwa, das ich bislang nicht kannte. Am liebsten aber töpfert er.

Im Restaurant Abdo lernen wir auch den Fremdenführer und „Craft-Shop-Inhaber“ Ali kennen, die Internetnomadin Judy, die sonst auf Bali lebt und dank netter Bikinibilder 30.000 Follower hat, und nicht zuletzt Hermann, einen Schweizer Abenteurer, der jüngst per Mountainbike von Assuan/Oberägypten nach Alexandria radelte und uns von seinen Abenteuern erzählt - am Ende einer langen Reise angekommen in Siwa, das es ihm besonders angetan hat.

Die Einwanderer

Am Gewusel aus sonst wie beladenen Eselskarren, Mopeds und Land-Rover im Zentrum kann ich mich nicht satt sehen. In den Straßen und Gassen ist der Müll weitgehend verschwunden. Die Fassaden sind jetzt alle Tonerde-verputzt und die kleinen Geschäfte haben unisono kupferbraun lackierte Türen und Fensterläden erhalten. Schaut nett aus, ist etwas auf alt gemacht zwar, doch der in die Jahre gekommene Mix war wohl out. Finanziert haben das Projekt Italiener und Amerikaner, wie man sich bei Abdo erzählt.

Wir wollen mal was anderes zum Essen ausprobieren und landen bei Oncle Moheb, der eine gute libanesische Küche anbieten soll. Es ist das erste nicht-ägyptische Restaurant der Oase, von der Eco-Edellodge Gafar mit einem drei-Sterne-Koch mal abgesehen, wo sich sogar Prinz Charles drei Wochen kulinarisch verwöhnen ließ, erzählt man. Libanesen gab es damals noch nicht. Das erste, was uns auffällt, als wir das kleine Restaurant in einer Seitengasse betreten, ist der krümelige Boden. Das sind bei näherem Hinsehen Salzkristalle. Ob wir vielleicht die Schuhe ausziehen wollen, fragt uns der junge Kellner Sallan aus Kairo. Dankend lehnen wir ab.

Nach den Vorspeisen lernen wir Onkel Moheb kennen, der aus der Küche kommt. 69 ist er und trägt einen Weihnachtsmannbart. Er betrieb in Beirut vier Restaurants, bevor er sich letztes Jahr entschloss, die Koffer zu packen. Seine Familie blieb im Libanon und führt die Restaurants weiter. Mit ihm ging eine große Kiste mit Gewürzen nach Siwa, die er mir stolz zeigt, als wir seine Kochwerkstatt betreten dürfen.

Überhaupt, erklärt uns Moheb, ginge es ihm um eine Synthese aus der hiesigen einfachen Küche, den lokalen Ingredienzien und der eher würzigen wie komplizierten libanesischen Küche. Das Ergebnis ist schlicht super lecker. Er zaubert uns eine ganz andere Ente, süßlich und recht scharf. Kumin, Koriander und Zimt schmecke ich heraus, als er mich mit kritischen Blick fragt, was denn möglicherweise da dran sei. So wurde ich bislang noch nicht vom Koch angesprochen. Er experimentiert halt gerne.

Ein Experiment ist das gesamte Restaurant-Projekt: Bisher haben die Siwaesen von seinem Angebot kaum Notiz genommen, nur Backpacker verirren sich hierher. Moheb passt dabei wunderbar nach Siwa, finden wir. Es ist dieses improvisierte sich Einbringen, das aus dem Marktangebot schöpft, gepaart mit Geschäftssinn, und dass man mit den Schwierigkeiten des Alltags klar kommt.

„Zuwanderer haben oft das Gefühl, der Oase etwas zurückgeben zu müssen.“ So drücken es Yuri und Ellen aus, in deren Gästehaus wir wohnen. Mutter und Tochter aus Eindhoven suchten die Integration. Sie sind in Siwa geblieben, um eine Mädchen- und Frauenschule aufzubauen, in der neben Schreiben, Lesen und Rechnen auch traditionelle Handwerkstechniken vermittelt werden, unterrichtet von den letzten ihrer Art. Ein Silberschmid etwa. Für die Herstellung von hochwertigem, reichhaltig verziertem Schmuck war Siwa früher weithin berühmt. Schmuckherstellung, Töpferei, Weberei, Korbflechten - warum nicht altes Handwerk neu beleben? Touristen würden es kaufen! Geber für das Projekt werden noch gesucht.

Fatma  

Auf einem unserer Streifzüge durch das alte Shali ruft uns von einem Fenster weit oben eine Frau etwas zu, was sich nach „Bitte reinkommen!“ anhört. Das überrascht uns doch ziemlich. Nathalie bekommt infolgedessen eine Henna-Bemalung und wir beide einen Tee. Fatma heißt sie, trägt im Haus keine Niqab und ist ungefähr 45. Sie lebt mit ihrer Mutter sowie ihren Nichten Shrouk und Mohamed in einem der wenigen bewohnbaren Häuser inmitten der Ruinen. Shrouk ist 14 und kopftuchfrei ständig in Facebook und auf Instagram unterwegs. Am Ende ist Nathalie vier Mal zu Besuch, macht mit ihnen einen Ausflug und darf Fotos machen, die natürlich von Shrouk sogleich in ihren Medien gepostet werden.

Wie sich herausstellt, ist dies jedoch erst seit den 80er und 90er Jahren zur Lebensnorm geworden. Fatma zeigt Nathali ihren Tarfottet, einen in Siwa bis dahin verbreiteten, blau und weiß gemusterten Schal, den sie locker über den Kopf schwingt und ein Ende mit der Hand hochhält, wenn sie mag. Und sie holt das Hochzeitskleid heraus. Sie möchte so fotografiert werden, ohne ihr Gesicht zu zeigen, sagt sie erfreut. Was man ebenfalls nicht sieht: Ihr Mann hat sie vor einigen Jahren sitzen lassen, leider keine Ausnahme in Siwa.

Sheikh Omar     

Dass die Oase mit der Zeit und dem Tourismus mitgehen muss, meint auch Sheikh Omar, einem der zehn Stammeschefs. Wir treffen ihn in einem Hotel mit Café am Fuße der Altstadt von Shali. Stolz liest er uns aus dem Siwa Manuskript vor, einer einzigartigen, seit über 300 Jahren kontinuierlich fortgeführten Chronik Siwas. Er hat einen Auszug der Handschrift – wo sonst? – auf seinem Smartphone gespeichert. Es ging damals um die Aufteilung der Oase und wer welche Fabrikationen zur Verarbeitung des kostbaren Olivenöls nutzen dürfe. Das Manuskript selbst ist streng gehütet im Besitz einer der Clanchefs, wo genau sagt er aber nicht.

Die Entwicklung sei schon ok, doch mache er sich Sorgen, dass die Touristen und Zuwanderer aus Ägypten an den traditionellen Grundfesten rütteln könnten. Die Bewahrung der Berbersprache Siwi ist ihm besonders wichtig, auch wenn an den Schulen arabisch gelernt und gesprochen werde. Und dass auch Frauen arbeiten dürften, ja sollten, sagt er, wenngleich nur in von den Männern abgeschirmten Räumlichkeiten.

Ohne eine Miene zu verziehen, erwähnt er eine Eintragung im Siwa Manuskript vom 21. September 1942. Der Nazigeneral Erwin Rommel war an diesem Tag mit seinem Afrikakorps auf dem Feldzug gen Osten in Siwa gewesen und hatte demonstrativ Tee mit den Sheikhs getrunken. Es gibt Fotos davon. Diese Vergangenheit holt Siwa regelmäßig ein. Millionen deutscher Minen machen bis heute die Durchquerung der Wüste zwischen al-Alamein und Siwa gefährlich - das ist amtlich. Über 3.000 Menschen verloren seit den 80er Jahren bei Minenexplosionen in der ägyptischen Wüste ihr Leben.

1942 hatten alliierte italienische Jets auch Siwa bombardiert, ohne allzu viel Schaden anzurichten. Bewohner flüchteten in die Höhlen des Bergs der Toten, wo sie „nebenbei“ Grabkammern aus der Zeit der Pharaonen entdeckten und bewohnten. Die Grabkammern enthalten eine etwa 2.400 Jahre alte Kunst: freizügige Frauen- und Gottheitsbilder, präzise gemalte Gesichter, Krokodile, Prozessionen. Beeindruckend, wie die Wandmalereien mit feinen Linien und Farben allen Wandel überdauerten.

Salz, Hotsprings, Wohlfühloase

Die typische Folklore Siwas mit Livemusik und Safaris, dem Orakeltempel zu Ehren des Sonnengottes Amun-Ra und andere Tempelanlagen, den Pharaonen-Grabkammern und einer eigener Oasen-Küche sind die eine Seite, die Menschen anlockt und beeindruckt. Die speziellen Ressourcen sind seit jeher die andere. So ist mineralisches Salz, so merkwürdig es klingen mag, neben Wasser mit das wichtigste Lebenselixier der Oase, so unverzichtbar wie das Salz in unserem Blut, zumindest in homöopathischen Dosen. Man baut es nahe dem riesigen Salzsee al-Zaytoun und in anderen Randlagen der Oase mit lärmenden Baggern tonnenweise ab. Förderbänder häufen es zu haushohen Kegeln auf. Lastwagen transportieren es in gen Norden. Wegen der Salzvorkommen wurden Straßen gebaut und seit den 80er Jahren schließlich asphaltiert. Aus Salzkristallen sind Lampen, Möbel und sogar ganze Häuser gemacht, so wie das Eco-Nobelhotel am Fuße des Gafar-Tafelbergs. Als Baumaterial sind Salzziegel in der Wüste überhaupt das Beste, was es gibt, um im Sommer die Gluthitze draußen zu halten – und im Winter die Kälte, wenn das Thermometer häufig unter null sinkt. Und die Raumluft ist äußerst trocken, gut gegen Gicht oder Arthrose. Allerdings muss man aus Salz gebaute Wände außen verputzen, damit es den Häusern beim nächsten Regen nicht so ergeht wie dem alten Shali. Starkregen wird immer häufiger – ein Ergebnis des auch in Siwa spürbaren Klimawandels.

Wir laufen mit unserem Begleiter Ali durch die gleißend hellen Salzberge und erreichen einige blauschimmernde Teiche und kleine Seen nahebei, in denen sich Touristen treiben lassen. Eine Frau aus London räkelt sich in einem kleinen Wasserbecken und lässt sich von ihren Begleitern filmen. Nur der Salzbäder wegen hat sie sich auf den weiten Weg gemacht, erzählt sie uns. Wir tauchen ein und lassen uns treiben. Untergehen kann man in diesem Salzwasser nicht.

Eine ebenso große Anziehung genießen die zahlreichen heißen Brunnen, gespeist aus uraltem, leicht salzhaltigem Wasser, das nach oben drückt. Drum herum entstehen immer mehr Lokale, Camps und Ressorts, sicher bereits dreißig an der Zahl. Noch sind die Kapazitäten ausreichend, um die Besucherströme aufzusaugen. Daneben geht das Leben ziemlich normal weiter, gefühlt wie seit Ewigkeiten.

Infos

Siwa liegt in der westlich/libyschen Wüste, ca. 310 m südlich von Marsa Matruh (Mittelmeer) und 40 km östlich der libyschen Grenze. Die Oase liegt in einer Depression ca. 18 m u.d.M. Sie ist 82 km lang, 28 km breit, umringt von Salzseen wie dem al-Zaytoun (25*5 qkm), wo die Salinen sind. Tafelberge aus erodiertem Kalkstein („Limestone“)wie der Gafar Mountain ragen mehr als 200 m aus der Ebene hoch.

Bewohnt wird Siwa von 10 Beber- & 2 Beduinenstämmen, mit einem hohen Maß an Autonomie & eigener Sprache. Die rund 25.000 Einwohner verteilen sich auf ca. 10 Ortschaften. Das Zentrum ist Shali mit der alten Zitadelle, heute ein Ruin.

Die Geschichte der wasserreichen Oase lässt sich bis zur 6. Dynastie (2420 v.u.Z.) zurückverfolgen. Zu besichtigen sind u.a. Tomben der Pharaonen im „Berg der Toten“, der Tempelkomplex des Jupiter Ammon und Amun Re (Orakeltempel von Siwa, erbaut um 600 v.u.Z.), den Alexander der Große im Jahre 331 v.u.Z. aufsuchte. Die Vegetation ist üppig. Es wachsen rund 350.000 Dattelpalmen, 70.000 Olivenbäume, Feigen, Zitrusfrüchte, Granatäpfel, Hibiskus, Tamarisk, Erdnüsse, Obst und Gemüse; Hier leben 164 Vogelarten.

Dattelernte
Dattelernte (Foto: Nathalie Mohadjer) · Oase Siwa · 2023
Berber  Fotovorlage für den Roman USIWA
Berber - Vorlage von Nathalie Mohadjer für den Roman USIWA · Oase Siwa · 2023
Sheikh Omar
Sheikh Omar (Foto: Nathalie Mohadjer) · Oase Siwa · 2023
Khaled
Khaled (Foto: Nathalie Mohadjer) · Oase Siwa · 2023
Tochter
Tochter (Foto: Nathalie Mohadjer) · Oase Siwa · 2023
Großmutter
Großmutter (Foto: Nathalie Mohadjer) · Oase Siwa · 2023
Mutter
Mutter (Foto: Nathalie Mohadjer) · Oase Siwa · 2023
Besucher
Besucher (Foto: Nathalie Mohadjer) · Oase Siwa · 2023
Thombenmalerei
Thombenmalerei (Foto: Nathalie Mohadjer) · Oase Siwa · 2023
Salzsee
Salzsee (Foto: Nathalie Mohadjer) · Oase Siwa · 2023
Schweben im Salzwasser
Schweben im Salzwasser (Foto: Nathalie Mohadjer) · Oase Siwa · 2023
Hotspring
Hotspring (Foto: Nathalie Mohadjer) · Oase Siwa · 2023

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