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Reisebericht der Grand Tour Köln - Volos - Köln

Campen bei Volos Mai 2026
Campen bei Volos Mai 2026

Vorabdruck eines Magazin-Beitrags

Am 14. April 2026 breche ich bei herrlichem Frühlingswetter auf: Mit einem E-Bike, ausgestattet mit einem mit einem 600 W Motor und voll bepackt geht es nach Volos in Mittelgriechenland. Von dort startet ein Segeltörn in die Inselgruppe der Nördlichen Sporaden. Der Skipper, das bin ich. Was sich erst mal verrückt anhört. Mal was anderes, so eine Anreise. Und dazu noch die Rückfahrt. Naja, ich bin 75 und eigentlich noch ganz bei Trost.

Die Komfortzone verlassen, könnte guttun, hatte ich gedacht, als ich gerade den Flug buchen wollte. Immer diese Bequemlichkeit und Verfügbarkeit von Fliegern und allem möglichen - ist ja nicht normal. Und dann dieses E-Bike, das ich an einem kalten Januartag 2026 in einem Moment freudiger Verwirrtheit gebraucht erstehe. War so gar nicht geplant. Klasse Teil, ich bin begeistert. So entstand die Idee. “Mega“, meinten meine Kinder.

Nach einigen Recherchen sehe ich klarer: Ich radele statt durch den Balkan über Italien, nehme die Fähre über die Adria und dann geht’s quer durch Griechenland. Dafür müsste ich an 40 Tagen um die 90 km Strecke machen. Weniger Kilometer gleich mehr Tage, so die Gleichung. Mit Pausen wären das vier Wochen hin, vier Wochen dortbleiben und vier Wochen zurück. Alles mit Zelt und Schlafsack. So wie früher. Nur damals ging es per Anhalter oder im schrottreifen Tüff-tüff. So was mit Rad habe ich bis dato nicht gemacht. Es käme auf einen Versuch an. Spannend.

Diese Freiheit, einfach drauf los zu radeln, ist hochemotional, doch es gibt Grenzen, Zwänge und Limits, nicht zuletzt die eigenen. Vor allem das Gewicht macht mir zu schaffen: Vier Satteltaschen und ein Essenskoffer obendrauf, das sind locker 50 Kilogramm. Einiges ist überflüssig, wie sich nach und nach herausstellt. Und reparaturanfällig sind die Taschen auch. Aber gesagt, getan: Ab geht’s!

Umstellung

Es geht zunächst den Rhein stromaufwärts. Die Strecke befindet sich Großteils in einem desaströsen Zustand. Ich werde komplett durchgeschüttelt. An einer quer zum Radweg geführten Wasserrinne komme ich beinahe zu Fall: Das ist lebensgefährlich. Ich muss höllisch aufpassen, das hämmere ich mir ein. Dass der Lenker mit 12 kg Satteltaschen anders zu lenken ist, war klar, aber das Gewicht setzt Kräfte frei, die ich erst einmal in den Griff bekommen muss, zumal bei engen Kurven und Schlaglöchern. Fit bin ich ja, durchtrainiert und zäh. Nur bestimmt bin ich kein Extremsportler.

An den ersten fünf Tagen, da schon in Bayern, schaffe ich die Tagesetappen, die ich mir vorgenommen habe. Ich bin aber erschöpft und muss einen Tag aussetzen. Immer schön tief in mich hineinhorchen, nehme ich mir vor. Gesund bleiben! Also: Was brauchst du, Körper?! Wo sind deine Grenzen? Bloß kein Unfall! Auch Krankheit wirft alles über den Haufen.

Ich beginne, Magnesium zu schlucken. Nehme die Hygiene ernst. Esse viel Obst und Gemüse. Habe kaum Appetit auf Fleisch, schon eher auf Fisch. Hering in Sahnesauce. Krabben in Knoffelöl. Pizza Marinara. Humus. Käse. Bananen. Joghurt mit Honig. Käse auf Körnerbrot, das nicht so schnell hart wird. Meistens ein Energieriegel und Apfel vor dem Losfahren. Was das Herz begehrt, aber alles in Maßen. Mein Appetit zügelt sich von ganz alleine, stelle ich fest.

Stadt, Land, Fluss

Die Route südwärts verläuft überwiegend entlang der Flüsse: Rhein, Main, Tauber, Donau, Inn, Drau, Tagliamento, und endet schließlich in den Lagunen an der Adria. Das schöne Salzburg lasse ich würdelos En Passant liegen, in Donauwörth mache ich eine Stadtführung. Über die Alpen geht’s auf dem Adria-Alpe-Radweg. Zwischendurch reiben mich Hügellandschaften auf.

Immer wechselnde, farbenfrohe Landschaften fliegen vorbei, gehen ineinander über, wie in einem Film von Jim Jarmusch. Die meiste Zeit ist Natur pur angesagt. Ich mag das bäuerliche Friaul mit seinen Eukalyptushainen, Oliven, Wein, und begegne immer wieder weidenden Schafsherden. Füchse queren meinen Weg. Ich sehe Steinadler, Fasanen und Störche, Wildschweine und Wiesel. Fliegen, Mücken und Ameisen sind meine ständigen Begleiter. Die Natur ist mal verwildert und modernd, doch überwiegend bewirtschaftet und bisweilen zerstört, wie ein vexierendes Gemälde in Echtzeit. Lost Places gibt es auch, viele sogar: Gehöft-Ruinen im Friaul, die verlassenen Restaurants und Hotels auf der Passhöhe im Pindus-Gebirge, rostende Werftanlagen, Kräne und Schiffe am Golf von Malia. Einmal sticht mich eine Wespe im Gaumen, tut weh, schwillt an, ist aber gut gegangen.

Ich suche meinen Rhythmus. Es ist ein Prozess stetiger Gewöhnung. Es gibt Geschäfte, SB-Ketten und Gastronomie an (fast) jeder Ecke. Spätestens mittags muss ich den Akku nachladen, oft ein zweites Mal am Spätnachmittag. Das ist auch gut für den Körper und gibt mir Zeit, die vielen schönen Orte anzuschauen. (D) Mainz, Nördlingen und Rothenburg. (A) Bad Gastein und Villach. (I) Pontebba, Portogruaro, Caorle und Venedigs Hafenanlagen. (Gr) Patras, Lamia und schließlich Volos, eine Hafenstadt mit Flair. Um mal einige Orte zu nennen. Da fällt mir das Aufbrechen nicht immer leicht.

Tagebuch, 28.4.2026, 12. Tag – 160 km von Pontebba nach Caorle (Kasten)

Dieser Tag ist der schönste wie härteste der Tour bisher. Die Strecke führt zunächst auf einer alten Bahntrasse durch den Kanaltal hinab entlang der Julischen Alpen, wechselt ins Friaul und nach Venezien. Dieser Wechsel der Landschaften: die dramatisch-wilde, noch schneebedeckte alpine Bergwelt hinter mich zu lassen, dann querbeet durch die Weinberge und Felder zu streifen, ist berauschend. Ich radle durch alte Städtchen wie Portogruaro, einer Perle inmitten von Venezien, von dem ich nie gehört hatte. Schließlich erreiche ich am Abend die Lagunen an der Adria und den notablen Badeort Caorle. Nach 160 km. Streckenweise gibt es LKW-Verkehr, nervig, gefährlich. Es sind Schweiß und Tränen, die es mich gekostet hat. Ich ahne, was diese Tour bedeutet. Was sie mir bringt, was sie mit sich bringt. Er schmerzt und rührt mich, dieser Tag.

Ich zelte, aber nicht immer finde ich einen Zeltplatz. Wo kann mich waschen und den Akku aufladen? Das gelingt nicht immer, was erhebliche Konsequenzen hat. Aber ich werde immer findiger. Und somit kommunikativer. Auf den lässigen, netten Ton kommt es an, merke ich, und mein Äußeres.

Das Ziel ist der Törn

Der Weg ist das Ziel, das stimmt natürlich immer, doch trifft es nicht den Kern. Ich habe ein Ziel: Ich segele zwei Wochen in den Nördlichen Sporaden mit einer sechs-Mann/Frau Crew, die per Flieger anheuert. Der Termin ist in Stein gemeißelt. Ich darf mich nicht verspäten.

Am 11. Mai bin ich in Volos. Ein schönes Gefühl am Hafen zu stehen nach langer Fahrt, dann entlang der Hafenpromenade auf meinem Drahtesel zu defilieren, ein Bier mitten im Jungvolk zu trinken - und anzukommen. Ich bin vier Tage zu früh da und zelte (mangels Zeltplatzes) wild auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht. Abends fährt die „Kantina“, eine Gyrosbude auf Rädern, ganz in der Nähe vor, wo man für 3,50 € einen Burger mit - was auch immer - gefüllt erstehen kann. Superlecker. Blick über die Lichterbucht inklusive. Wieso habe ich hier gezeltet? Es gibt keine Zufälle.

Ich habe Zeit. Mal was Neues. Die Uni- und Hafenstadt Volos ist voller junger Menschen, die auf den Trends der Zeit abfahren. Dass hier vor knapp drei Jahren eine Jahrhundertflut aus dem Pilio-Gebirge ganze Dörfer weggespült hat und halb Volos unter Wasser setzte, davon merkt man nur noch wenig. Es gab viele Tote, höre ich. Nach dem Törn werde ich an der Pagasetischen Bucht zwei Wochen verbringen und das Pilio-Gebirge, wo einst die Zentauren hausten und Achilleus sich versteckte, erkunden.

Der Segeltörn ist ein Kontrastmittel. Wir segeln in diesen zwei Wochen 388 Seemeilen und sind von der Inselwelt wie verzaubert. Irgendwie muss der Inselfunken auf unsere Gemüter übergeschlagen haben. So viel Crew-Harmonie und Spaß war selten. Highlights ohne Ende. Zwei Kilo frischen Thunfisch erstehen etwa von einem Trawler in einem geisterhaften Fischerhafen auf Skýros zu einem Freundschaftspreis. Daraus fabriziere ich einen Thon-Carpaccio an einer Olivenöl-Zitronen-Vinaigrette, den wir im Sonnenuntergang über der Ägäis zu verputzen. Fast zu kitschig, um wahr zu sein.

Katara-Pass

Zurück geht es von Volos durch Zentralgriechenland nach Igoumenitsa. Ich strampele durch die Bergketten Zentralgriechenlands rauf und runter, zumeist durch Mischlaubwälder und dichtes Piniengehölz.

Dann wird es ernst: Es ist die alte Passstraße Nummer E 91 über den legendären Katara-Pass, der das auf 1.705 m das Pindus-Gebirge zerschneidet. Über den fährt so gut wie niemand mehr, seitdem die Autobahn das Gebirge untertunnelt. Bären, Wildkatzen, Wölfe soll es hier oben geben: Dass bloß nichts unterwegs kaputt geht! Für den Aufstieg brauche ich auf kleinstem Gang und Motorstufe gute acht Stunden. Der Akku langt knapp. Hätte er nicht durchgehalten, wäre ich halt umgekehrt.

Tagebucheintrag Samstag, den 13. Juni 2026 (Kasten)

In Meteora bzw. Kalampaka, wie der Ort heißt, komme ich um 18:00 Uhr nach 103 Kilometern und 12 Stunden Fahrt inklusive Pausen an. Ich finde einen schönen Zeltplatz am Fuße der gigantischen, von Jahrmillionen Regen abgewetzten Kalksteinfelsen. Was für eine Kulisse! Hier bleibe ich drei Tage, erkunde die Klöster, genieße und entspanne meinen von den letzten Tagen angestrengten Körper. Hier bereite ich mich auf die Fahrt über das Pindus-Gebirge, den Berg Lakmus und den Katara-Pass vor.

Drei Tage wandere und radele ich durch die Meteora Klöster. An den Felsen krallen sich Bäume fest wie auf japanischen Tuschezeichnungen. Die Silhouetten zeichnen sich vom dunkelblauen Himmel gelblichen Wolkenschleichern ab. Ich sitze da und versinke in Träumen, als die Nacht hereinbricht. Surreal. Auf dem Platz stehen einige deutsche Camper, die allesamt E-Bikes mithaben und Touren machen. Das wird immer populärer. Gerade bin ich mal etwas stolz, aus eigener Muskelkraft mit etwas Hilfe per E-Motor bis nach Meteora gekommen zu sein. Das macht sonst niemand. Ich notiere das voller Demut. Denn auf diesen Felstürmen Klöster zu errichten, ist etwas weltweit Besonderes. Es gibt mir Kraft und Zuversicht. Kann ich gerade gut gebrauchen.

Metsovo und dann kein Geld

In Metsovo, einem malerischen Bergdorf unterhalb des Katara-Passes, bleibe ich drei Tage. Dann das leidige Thema: Wie komme ich finanziell klar? Nur sollte man die Geldbörse vielleicht nicht auf dem Klo liegen lassen. Ist passiert. Und zwar genau in Metsovo, Ich muss die Kreditkarten sperren und mir Bargeld überweisen lassen. Eine ziemliche Operation. Später bekomme ich die Börse lächelnd von der Polizei überreicht, die mir rund 90 km nachgefahren war. Unfassbar.

Doch meine Börse hat die Schrumpfteritis. Im schönen, aber teuren Verona, wo ich drei Tage verbringe, schmelzen die letzten Scheine dahin. Der Schreckmoment folgt: Noch 50 EUR sind verblieben, um bis an die Tauber zu kommen. Shit!

Normalerweise reicht ein 50er-Lappen für einen, maximal zwei Tage. In Italien kostet aber der Zeltplatz zwischen 20 und 30 EUR. Der Capu um die 5 EUR. Zwei Bier 10 EUR, in Veronas Altstadt nur ein Bier. Plus hier eine Reparatur am Velo, dort eine eiskalte Cola. Also trinke ich ab sofort abgefülltes Leitungswasser statt Softdrinks, kein Bier oder Wein. Auch kein Eis oder Kuchen mal nebenbei. Ich zelte nur noch wild, mache Katzenwäschen und versorge mich für höchstens fünf Euro am Tag mit dem Notwendigsten. Geht‘s noch?

Natürlich muss ich für eine ausreichende Flüssigkeits- und Energiezufuhr sorgen, um durch das Trentin zu klettern und über den Brenner oder um nicht in der Gluthitze in der Lombardei oder beim steilen Anstieg von Telfs nach Seefeld von Rad zu kippen. Ich entwickele Ehrgeiz, jeden Heller zweimal umzudrehen, um mich mit einem Capu am Tag in einem Café meiner Wahl zu belohnen. Als es in den Alpen regnet, schlage ich das Zelt in einem halboffenen Heuschober auf. Genau danach hatte ich gesucht, genau den finde ich neben der Straße. Ich stehe immer gegen sechs Uhr auf, was sonst so nicht meine Art ist. Sieben Tage lang, vorbei an Innsbruck, Mittenwald, Garmisch, runter zum Ammersee, rüber zur Tauber nach Dinkelsbühl, wo ich Thilo, einen Freund, treffen. Ab da bin ich wieder flüssig. Durchatmen!

Das Nomadenhafte in uns

Was für Landschaften durchquere ich! Alpen und Lagunen, Flusslandschaften, Ebenen und das Nördlinger Ries, das ein Meteorit in den Boden rammte. Hinter Ravenna stehe ich am Rande des Po-Deltas, diese unerhört weite, zergliederte Wasserlandschaft voller Vögel, und fahre dutzende Kilometer hoch auf dem Po-Deich gen Verona. Bildergesättigt ist die Seele des Nomaden.

Mir kommt es so vor, als hätte ich in meinem Leben noch nie so schnell so viele Entscheidungen zu treffen. Gewundert hat mich nur, wie schnell man imstande ist umzuswitchen. Die zahlreichen wildfremdem Menschen, denen ich entlang der Strecke begegne, haben sicher maßgeblich dazu beigetragen, ihre Neugierde und Gastfreundschaft, Empathie und Hilfsbereitschaft. Hatte ich so nicht erwartet.

Überraschungen gibt es zu Hauf: beispielsweise dieses ältere Ehepaar mit Kind. Es bittet mich in einer Pizzeria bei Rimini an ihren Tisch. Ihr (spastisch gelähmtes) Kind wollte es, sagen sie. Der Abend verläuft heiter und endet mit schmetternden Frank Sinatra Gesängen in die Adria: Der Mann machte das früher professionell. Dolce Vita Italia!

Hassan und Magded laden mich in einem winzigen Fischerhafen namens Agios Nikolaos zum Mittagessen ein. Sie wandern von London nach Dafour, um auf die Lage in ihrer Heimat aufmerksam zu machen. Sie machen gerade ihren Blog, also ich in die Taverne stolpere. Minuten später schicken wir gemeinsam ermunternde Botschaften in den Sudan. Zugegeben leicht surreal, aber wahr.

Wahre Gastfreundschaft erlebe ich in Chryso, einem Dorf nahe Delphi: Der alte Tavernenbesitzer bietet mir ungefragt Bett und Logie an und stellt mir ein warmes Essen hin. Er umarmt mich mit Tränen in den Augen, als ich weiterziehe, warum auch immer. Es sind viele solcher Begegnungen, die mir nahe gehen, fast täglich. Ich denke, dieses Menschsein ist der Kern des Nomadentums. Ich führe Tagebuch und mache fast täglich einen Reiseblogeintrag für Freunde und Familie zu Hause. Ich halte Kontakt. Nie habe ich das Gefühl von Einsamkeit.

Vielleicht ist es der Rest des Nomaden in mir als ansonsten Sesshaften. Ich nenne das den „Kontrollverlust total“. Und es ist dieser Himmel – die Wolken immer anders, dieses Licht, das mich umfängt, hell, manchmal gleißend. Ich trage bewusst keine Sonnenbrille. Meistens scheint die Sonne. Doch in den Alpen und einmal sogar in Mittelgriechenland entladen sich die Wolken – dann aber gleich sturzbachweise.

Kopf und Kragen

Hinterm Horizont geht’s weiter! Nun aber wirklich. Der Kraftausdauer-Modus des Fahrens kostet Schweiß. Ich habe zehn Wäschegarnituren dabei. Die brauche ich auch. Niemals verwahrlosen, sage ich mir bis zum letzten Tag. Das ist elementar. Mein Motto: Umfahre immer Schlaglöcher, auch die eigenen!

Ich bin dementsprechend fokussiert. Das muss ich ständig üben, obwohl es sich einfach anhört. Es ist aber anders. Der Kopf geht nicht voran, sondern folgt. Die Bewegung saugt mich permanent auf. Die Antennen und Sinne sind voll ausgefahren. Arme und Hände verkrampfen sich, sind ständig zu lockern. Die Augen ermüden schnell. Das Hinterteil leidet. Die Beine schmerzen, ermüden, protestieren. Am Zustand des Körpers hängt viel, eigentlich ja alles. Da mag der Kopf denken, was er will.

Damit der Kopf noch mithält, will ich, ja muss ich immer wieder kurz anhalten, auch um zu schauen, zu orientieren (kommot/google-maps, Karten aus Papier) - und zu genießen. Und ich brauche Ordnung, darf nichts liegenlassen oder verlieren. Was eben nicht immer gelingt. Oh mein Kopf. Ich muss schimpfen, immer wieder mich beschweren. Die Börse und dann den Schlüssel zu verlieren. Bin ich bescheuert, oder was? Er bringt mich noch um Kopf und Kragen.

Empfindung und Befindlichkeit

Es ist schwer zu fassen, was eine solche Tour innerlich mit einem macht. Ich ertappe mich bei Selbstgesprächen. Ich singe, habe eine Hitliste, aber keine Kopfhörer. Bei der Abfahrt aus Volos „Keine Sterne in Athen“, Typ Ohrwurm. Ich justiere meinen Laufrhythmus mit der Radtechnik, arbeite am Bewegungsablauf. Innerlich. Nicht selten muss ich kämpfen, ja über meine Grenzen hinauswachsen, zumal wenn es hoch hinaufgeht oder der Radweg in Geröll übergeht. Es macht mich zufrieden, etwas zu schaffen. Ganz banal.

Auf der Peloponnes muss ich einmal durch einen kleinen Fluss waten und das Rad heil durch die Fluten bringen. Immer wieder gilt es Umwege in Kauf nehmen und umzukehren, einmal, als ich vier km vom Tagesziel Caorle und Adria vor einer Fähre stehe, die die Lagunen nur am Wochenende kreuzt. An einem Mittwoch war das. Nach 135 km kamen so noch 20 km drauf. In mir Frust, dann dieses: „Los geht’s!“ Wie bei einer tibetanischen Gebetsmühle.

Je erschöpfter ich bin, desto mehr Unterbewusstsein meldet sich, wie mir scheint. Auch jetzt noch, da ich seit drei Wochen wieder in meiner Wohlfühlzone bin, die sich irgendwie noch immer komisch anfühlt. Aber wird schon.

Ankommen

Velofahren ist ein gutes Tempo um vorwärts zu kommen, ohne die Langsamkeit und den Überblick zu verlieren. Auf die Langsamkeit kommt es an. Mir jedenfalls. Ich will was sehen, bin neugierig auf das ganze Bild. Das ist anders, als beispielsweise den Tauber-Radweg entlang der romantischen Straße zu radeln. Der ist nur schön, auch recht beliebt und insgesamt abschätzbarer. Ich bin da durch.

So werde ich mit durchschnittlich 20 km/h langsam immer reicher. Das ist unschlagbar. Kultur gehört dazu, auch die eigene. Delfi besuche ich, auch kleinere Museen. In Verona schaue ich in dieser unglaublichen Arena La Traviata an. Ich entdecke unterwegs Spezialitäten wie die gefüllten Nudelgerichte der Lombardei oder den Rauchkäse von Metsovo. Ich verkoste Öle und Weine. Ich lese viel, schreibe, mache Fotos, will wissen, wo ich gerade bin, mache Abstecher und Besichtigungen. Ich bin immer auf der Suche nach dem wahren Glück und meinem Schlüsselbund. Dafür waren die acht Wochen auf dem Sattel eher zu knapp taxiert. Immerhin waren einige Pausentage drin. Überhaupt: Die Pausen sind wichtig. Nämlich auch das Schönste. Zumal die kurzen. Das alles zu genießen ist die beste Langsamkeit, die ich kenne.

Am 12. Juli 2026 kehre ich Heim und werde von Familie und Freunden an der Severinstorburg herzlich empfangen. Da steht der Weizen schon hoch, Sonnenblumen und Rapsfelder sind in voller Blüte und die Heuernte hat begonnen.

PS. Es ist also möglich. Das tue ich mir bald mal wieder an.

Am Katara-Pass
Am Katara-Pass
Helm - Schirm - Meer (Bucht von Malia)
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Die Überquerung des Parnass - unten die neue Autobahn
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Toter Baum auf dem Katara-Pass
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Olivenhaine unterhalb von Delphi
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