Marcel G. Seyppel Kontakt
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Gesegelt

Sieben Perlen im Meer - 2025

Ionische Inseln

Törnbericht Ionische Inseln

Ich sitze in der Taverne Mikro Yalo, zu deutsch kleiner, verwunschener Steinstrand, und schaue hinab in die tief eingeschnittene Bucht und ins Ionische Meer, die in der Nacht entschwindet. In meinen Knochen und im Kopf spüre ich den Törn.

Die Crew aus fünf Mitseglern mit und zum Teil mit wenig oder ohne Segelerfahrung habe ich mit all ihren Eigenheiten und Stimmungen verabschiedet, happy. Katzen schleichen um die Tische. Harte, heftige Ritte waren dabei mit Windgeschwindigkeiten von bis zu sechs Beaufort. Ich resümiere, verarbeite, lasse sacken.

Die Ionischen Inseln sind für Segler ein Traum. Wenn alles mit Schiff und Crew, Wind und Wetter stimmt, dann macht sich rasch ein Glücksgefühl breit. Ich blicke auf einen Törn von 220 sm (Seemeilen) zu 7 Inseln zurück, die wie Perlen sicvh im Ionischen Meer aneinanderreihen.

Es gab keine größeren Probleme mit unserer Vanessa M, einer 15,5 m langen Oceanis Segelyacht. Eine kleine Schramme am Bug beim seitlichen Anlegen an einer sehr niedrigen Pier bei starkem Seitenwind doch. Ärgerlich. Zwei Klammern, die das 110 qm große Großsegel mit dem Mast verbinden, sind heraus. Plastikkram. Sollbruchstelle. Die Yacht hat 14 Jahre Charter hinter sich. Am letzten Tag ist daher Reff drei angesagt. Auch ist eine verknotete Leine in der Einwickelrolle der „Fockfall“, die das Vorsegel dicht holt, zu entknoten - 1 Stunde Nervenkitzelschufterei rittlings und angeleint auf dem Bug sitzend wie eine Gallionsfigur - und ich bin anschließend klatschnass. Dinge, die immer passieren. Charterschiffe werden stark beansprucht und sind unter der Saison nicht immer komplett zu warten.

Das tiefblaue Meer verfärbt sich in tausend sich ändernden Nuancen und geht allmählich in den Himmel über. Die Umrundung des Südostkaps von Kefalonia geht mit nicht aus dem Kopf. Wir segeln mit (raumen) Rückenwind aus NW volle Kanne drauf zu. Mit acht, sogar über neun Knoten Höchstgeschwindigkeit durchpflügen wir das Wasser. Bei diesem Tempo stehe ich am Ruder, schon ein kleiner Fehler kann schlimme Folgen haben. Die Gischt schwappt mir in die Fresse. Wir passieren den 1.600 m hohen Berg im Süden der Insel, eine Kulisse zum Festhaken. Die See glitzert, blendet, schlägt weiße Schaumkronen. Von einem Moment zum anderen ist der Wind weg und dreht entgegengesetzt auf SW. „Holt dicht die Schot“, rufe ich. „Fiert die Fock, 30 Prozent wenigstens!“ Beate und Renate kurbeln, was das Zeug hält. Der Wind weiß nicht, woher er kommen will. Er wispert: Pass auf, ich bin nicht wirklich weg, warte nur, wenn du aus dem Kapschatten heraus bist. So spielt er seit jeher mit den Seefahrern.

Die Anlegemanöver haben es immer in sich. Anlegen auf „Römisch Katholisch“ ist in den Ionischen Inseln die Regel, da es keine (Muring-) Festmacherleinen gibt. Man wirf den Anker im Hafenbecken 40 bis 50 m vor der Pier, zieht zügig zurück und macht achtern an direkt vor den Cafés und Restaurants fest. Es muss schnell gehen. Geankert wird dicht an dicht. Es geht auch um die Ästhetik des Zurückgleitens und Festmachens am Ufer. Bloß kein Hafenkino! Hier geht‘s um die Ehre von Captain und seiner Crew.

Wir schaffen das. Alles eine Frage der Vorbereitung. Nur die Ruhe bewahren. Alles sehen. Alles vorhersehen. Im letzten Moment, bevor wir anlegen und noch 40 bis 50 cm Distanz zur Mole haben, gebe ich Schub vorwärts. Wir stehen. Rüdiger springt an Land. Festgemacht!

Manchmal ankern wir in Buchten. Der Anker muss die 13 Tonnen Schiff festhalten, auch bei Fallböen, eine ziemliche Kraft entfalten können. Unser Anker ist gut schwer und mit 70 m Kette ausgestattet. Segeln ist immer ein wenig Abenteuer und nie ohne Adrenalinschub. Aber Safety first!

Ein Mal gibt es “gefillte Fisch” an einer tomatigen Kapernsauce aus der geräumigen, mit allem ausgestattete Kombüse. Dazu ein Tomaten-Feta-Salat. Diese griechischen Tomaten! Anderntags ein Spagetti Carbonara. Dann Hühnertopf mit Cumin und Bulgur. Ein ganzes Huhn ist weg wie nichts. Zwischendurch Früchte und griechischen Joghurt. Abends fließt der Wein, schließlich ein Absacker-Ouzo. Ich liege nachts gerne eine Weile flach an Deck und glotze in den Sternenhimmel. Wo ist denn nur der Orion? An den mache ich fest.

Vor gut drei Tausend Jahren umrundeten die Phönizier dieses Kap, die ersten Seefahrer aus der Levante, die das gesamte Mittelmeer besegelten, und später ein gewisser Odysseus: Er stammte aus Ithaka, der Insel im Dunst vor uns.

Der Wind nimmt rasch zu, ich spüre den Druck am Ruder. Das Schiff krängt (neigt sich) um 20 Grad wenigstens. Ende! „Das Groß reffen! Am besten gleich Reff 2. Moment - ich stelle das Schiff in den Wind.“ Motor an. Die Düse der Meerenge zwischen Kefalonia und Ithaka hat uns voll erwischt. Nach zehn Minuten heftiger Aktion gleiten wir wieder gegen den Wind durchs Meer. Segeln in den Ionischen Inseln bedeutet vor allem eins: Entschlossen zu agieren und Demut zu haben!

Am vierten Tag müssen wir nach Vlicho, unserem Heimathafen an Lefkadas Ostküste, zurück: Der Motor leckt Ö. muss gemacht werden. Wir sind eingeladen, die Insel mit einem Kleinbus zu erkunden. Wir machen Halt an dem Fanemeri Kloster hoch oberhalb der Lagunen von Lefkada. Weiter geht es durch endlose Pinienwälder. Hänge sind hier beim großen Beben 1953 in Rutschen gekommen, erzählt unserer Fahrer, ein Trauma. Die neuaufgebauten Badeorte an der seeoffenen Westseite sind heillos überlaufen. Doch die kleine Hafenstadt Vasiliki im Süden der Insel hat ihren Charme behalten, heute ein bekannter Hotspot für Windsurfer. Ein Ausflug in die hohen Berge mit ihren Wäldern, Schluchten, Dörfern und atemberaubenden Aussichten sowie zwei Boxenstopps an der Olivenölpresse Sklavenitis und einem Winzerhof Krasiamas - beide mit Verkostung und Verkauf - runden die Tour ab.

Der Wind setzt zumeist mittags ein und hält fünf bis sechs Stunden an und nötigt zur Langsamkeit. Die Kulisse vorbeiziehender Inseln macht süchtig. Der Hafen Argostoli an der Südwestküste von Kefalonia ist unser Wendepunkt. Ein gigantischer Kreuzfahrtbomber mit 2800 Betten, das Schwesterschiff der vor einigen Jahren vor Italien havarierten Costa Concordia, versperrt die halbe Bucht. In der Stadt ist gerade der Bär los. Doch halten die Ionischen Inseln viele Pendants bereit. Vor allem die pittoresken Fischerhäfen an Kefalonias Ostküste Efimia und Poros haben es uns angetan. Hier wohnt sie noch, die vielbesungene griechische Seele, scheint mir. In dem Fischerdorf Poros auf Kefalonia genießen wir den abendlichen Meeresblick, während die Familie in einer winzigen Küche wuselt und brutzelt. Kostet halb so viel wie in Argostoli, schmeckt doppelt so gut und wird mit Herz serviert.

Ich bin mit Nikos auf seinem kleinen Boot im Fischerhafen von Poros verabredet. Er ist einer der letzten seiner Art, ein stämmiger Fischer und 85 Jahre alt. Er fährt immer noch jeden zweiten Tag hinaus und wirft sein Netz mit seinem muskulösen Körper ins Meer. Gestern kam er mit 7 kg Hummer und ebenso vielen Steinen heim. „Doch der Fang ist in den letzten Jahren immer weniger geworden“, erzählt er. Er führt es auf die gestiegene Meerestemperatur und Chemikalien zurück, die von den Feldern ins Meer gespült werden, vor allem Pestizide. „Die Fische ziehen sich in kühlere Tiefen zurück, da komme ich nicht mehr ran.“ Im Winter sind die Fischfänge daher größer. Er fischt östlich von Lefkada, vor allem rund um die Inseln Meganisi, Atokos und Kastos – eben dort wo wir just segelten. Die Fischsuppe, die er am liebsten mag, bereitet seine Frau von dem, was er heimbringt, vor allem vom Drachenfisch (Skorpio) und Kabeljau (Merluzo) sowie anderem Beifang. Das erinnert mich an den Fischsuppen Klassiker aus Livorno, die „Cacciucco“, nur eben fanggemäß angepasst. Sein Sohn betreibt hier das Zolithros, eine der besten Fischrestaurants der Insel, und bietet seinen Gästen allabendlich den frischen Fang an. Der größte Fisch, den Nikos hier jemals fing, war eine 70 kg schwere Große Bernsteinmakrele, erzählt er stolz.

Später sitzen wir im Restaurant seiner Familie. Es ist ein Gespräch „auf Augenhöhe“. Wie er habe ich vier Kinder, er aber hat deutlich mehr Enkel und sogar einen Urenkel. Ein weiterer ist unterwegs. Auf dem Weg von Hölzchen zu Stöckchen landen wir bei der neuen Zeit. Natürlich sei diese ganze Technologie auch zu was gut, meint er unversehens, aber wir verlieren die Kontrolle. Der Mensch verliert die Kontrolle. Das ist seine größte Sorge. Er wiederholt es immer wieder, es liegt ihm am Herzen.

Dann spricht er von den alten Zeiten, als man sich immer im Kafeinon traf. Entscheidungen wurden dort getroffen, oder zumindest vorbereitet. Jeder-Mann wusste Bescheid. Die Frauen standen derweil am Herd. Sein Sohn Vagelis, der mit seinen  Kumpels vorbeischaut, lächelt milde. Diesem Gleichlauf der alten Zeiten trauert er nicht nach. Die Saison ist in wenigen Wochen zu Ende, er muss schauen, dass er seinen Laden voll und genug vom Besten anzubieten hat. Ab Mitte Oktober sind die Ionischen Inseln leergefegt und Poros ist ausgestorben bis auf die neun alten Menschen, die hier die Stellung halten. Nikos und seine Frau leben oberhalb in ihrem Dorf, während die dritte Generation ins nahe Patras weiterzieht, um zu studieren. Einige seiner Enkel werden einst ganz zurückkehren, um die Tradition fortzuführen, die ihr Großvater vorlebt. Ob er jemals daran gedacht hätte, fortzuziehen, frage ich Nikos, und ernte ein entschlossenes „Ochi!“, Nein! Niemals! Hätte ich mir denken können.

Heute ist Livemusik im Mikro Yalo. Die Taverne ist bis auf den letzten Platz ausgebucht, insgesamt 25 Tische. Die Familie rennt und schuftet. Sie ist froh. Ich seh es, wenn sie sich gegenseitig zulächeln. Susan, 65, aus England setzt sich auf den letzten freien Platz zu mir an den Tisch. Seit 15 Jahren kehrt sie immer wieder hierher zurück, sagt sie, manchmal alleine, manchmal mit ihren Kindern. Sie schwärmt mir was vor. Aber ob sie Atokos dort hinten im Meeresdunst kennt, frage ich sie. Kennt sie nicht. Kaum ein Touri weiß was von den Wellen und Eilanden vor der Tür.

Derweil sind die ersten Frauen aufgesprungen und schwingen lachend Arme und Hüften. Bald darauf steht buchstäblich das ganze Lokal. Einige Männer steppen herum und schwingen weiße Tücher. Ach Griechenland. Ich weiß nicht, ob es das sonstwo gibt. Das traurige Kaimos von Mikis Theodorakis erklingt. “The sea-shore is long, the waves are high, The sorrow is great and bitter the sin. Within me a river, bitter blood of my wound and your kiss on the mouth more bitter than blood.”

Alle beginnen sich rhythmisch im Takt zu bewegen, immer heftiger. Kreise bilden sich. Und so lachen, tanzen und singen sie alle. „Das nennen wir Kaimos“, sagt Kostas anderntags. „Es ist typisch für uns. We accept the fact that we will die, but we are not afraid of it. Without any religious fear Kaimos became poetry. - Menschlichkeit? - Love, not fear, that’s all.”

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